"Streetart" am Steinbockhaus
(Bericht: Miriam Unger; erschienen in der Odenwälder Zeitung am 01. Juli 2026)
Wer dem Erlenbacher Bergtierpark in den vergangenen Tagen vormittags einen Besuch abstattete, der staunte wohl nicht schlecht, als er am Haus der Steinböcke vorbeikam. Acht junge Frauen machten sich dort am Fundament zu schaffen. Aber keine Sorge, es handelte sich nicht um solche Schmierereien, die man leider immer wieder an Hauswänden vorfindet, sondern um echte Kunst. Im Zuge der Projektwoche der Martin-Luther-Schule (MLS) in Rimbach hatten sich die Elftklässlerinnen für das Projekt "Bergtierpark Streetart" von Kunstlehrer Gabriel Gruß entschieden. „Die ursprüngliche Idee die massive graue Betonwand am Steinbockhaus zu verschönern, stammt von unseren vier Tierpflegern", berichtete Fritz Eisenhauer, Vorstandsmitglied des Freundeskreis Erlenbacher Tierpark der Gemeinde Fürth/Odw. e.V., der mit seinen Vereinskollegen im engen Austausch mit dem Tierpark-Team und der Gemeindeverwaltung steht. Kurzerhand nutze er die guten Kontakte zur Rimbacher Martin-Luther-Schule (MLS). „Wir kooperieren seit vielen Jahren mit der MLS in unterschiedlichster Weise. Schön, dass auch in dieser Sache wieder eine Zusammenarbeit möglich war“, freute sich Eisenhauer. Vier Tage Zeit für Ideenfindung, Skizzenanfertigung und Fertigstellung des Kunstwerks. Eine knackige Angelegenheit. Aufgrund des knappen Zeitrahmens wurde die "Bergtierpark Streetart" nicht mit Sprühfarbe – wie ursprünglich geplant – sondern mit Pinsel und Acrylfarbe umgesetzt. Beim Brainstorming zum Auftakt trug die Gruppe zusammen, was sie mit dem Erlenbacher Bergtierpark verbindet, welche Tiere dort leben und wie man diese ganzen Informationen in einem großen Wandbild umsetzen kann. Verschiedene Vorschläge, wie beispielsweise eine Art Wimmelbild, wurden diskutiert. Letztlich einigte man sich auf unterschiedliche Tierportraits. „Wir haben diesen Tieren bewusst menschliche Angewohnheiten in den Zeichnungen mitgegeben, denn Menschen bringt man meist einen größeren Respekt entgegen und dies wäre auch häufig den Tieren gegenüber wünschenswert“, zeigte Gabriel Gruß neben der optischen Komponente auch die moralische auf. Jede der Schülerinnen fertigte Entwürfe von je zwei Bergtierparkbewohnern an. Die finale Auswahl fiel auf Pfau, Kamerunschaf, Ziege, Berberaffe Hängebauchschwein, Damhirsch, Lama und Waschbär. „Die Mädels sind alle künstlerisch sehr begabt und ließen ihrer Kreativität freien Lauf. Fast alle Bilder entstanden ohne Einsatz von künstlicher Intelligenz (KI)“, erläuterte Gruß, dass jede ihre ganz persönliche Note in ihr Tier mit einfließen ließ. Um ein stimmiges Gesamtkunstwerk zu erstellen, generierte Gabriel Gruß mit Hilfe von KI eine Gebirgslandschaft als Hintergrund und fügte in Photoshop alles zusammen. Wie sollte dies nun aber mit den richtigen Proportionen auf der großen Betonwand umgesetzt werden? „Wir machten hierbei von der Technik der Quadrierung gebrauch“, so der Kunstlehrer.Die Quadrierung ist eine klassische Zeichentechnik, mit der sich ein Entwurf maßstabsgetreu auf eine größere Fläche übertragen lässt. Dabei wird sowohl die Vorlage als auch die Zielgröße – in diesem Fall die große Betonwand am Steinbockhaus – mit einem gleichmäßigen Raster aus Quadraten versehen. Anschließend wird Quadrat für Quadrat vom kleinen Entwurf auf die große Fläche übertragen. Die einzelnen Linien und Formen können so genau an der richtigen Stelle platziert werden, wodurch die ursprünglichen Proportionen erhalten bleiben. Gerade bei großformatigen Wandbildern ist diese Methode hilfreich, weil sich damit detailreiche Zeichnungen vergrößern lassen, ohne dass die Motive verzerrt wirken. Auf diese Weise konnte das Team die Tierportraits und den von Gabriel Gruß erstellten Hintergrund bereits am zweiten Tag maßstabsgetreu auf der Wand anbringen. „Trotz Quadrierung war das keine leichte Angelegenheit“, gab eine der Schülerinnen offen zu, freute sich aber, ebenso wie ihre Mitstreiterinnen, diese erste Hürde mit Bravour gemeistert zu haben. Das anschließende Ausarbeiten mit Acrylfarbe machte Elizabeth Bentz, Lia Glocker, Susanne Irina Hausl, Madeleine Krader, Nala Muratovic, Maya Leonie Pasha, Selina Unger und Marie Wilke sichtlich viel Freude. „Wir haben uns genau in das richtige Projekt eingewählt“, so der Tenor von allen. Sorgfältig wurden die einzelnen Farbkomponenten aufgetragen, die richtigen Farbtöne gemischt und den grauen Umrissen Stück für Stück Leben eingehaucht. Dabei stellten allerdings die hochsommerlichen Temperaturen eine echte Herausforderung dar. Ab ca. 11.00 Uhr prallte die Sonne durchgehend auf das Fundament, was das längere Weiterarbeiten schier unmöglich machte und auch zur Folge hatte, dass zum Ende der Projektwoche noch einige Stellen unfertig blieben. „Wir werden nach den hessischen Sommerferien noch einen weiteren Projekttag einlegen, um das Wandbild fertigzustellen“, erklärte Gebriel Gruß.
Das Ergebnis ist aber auch jetzt schon beeindruckend und stellt einen weiteren Mehrwert für den Erlenbacher Bergtierpark dar. „Durch solche Aktionen oder auch die Kooperation mit der Handwerkskammer Frankfurt-Rhein-Main, hier das Berufsbildungszentrum in Weiterstadt mit der Fachschaft „Zimmerer“, wird unser Tierpark immer weiter aufgewertet“, zeigte sich Fritz Eisenhauer stolz auf die Entwicklung, die durch Freundeskreis, Gemeindeverwaltung und das Tierpfleger-Team in den vergangenen Jahren erzielt wurde. „Das Wandbild ist nicht nur eine optische Verschönerung des grauen Fundaments, sondern dient auch als eine Art Fotowand, an der sich kleine und große Besucher mit ihrem Lieblingstier ablichten lassen können und so eine besondere bleibende Erinnerung aus dem Park mitnehmen“, so Tierpark-Leiter Volker Bitsch. Ob mit dem eitlen Pfau, dem sportlichen Kamerunschaf, der süßen Ziege mit dem Lolli, dem coolen Berberaffen mit Basecap und Erdnuss, dem chilligen Hängebauchschwein, dem zwinkernden Damhirsch, dem entspannten Lama oder dem sich erfrischenden Waschbären – für jeden ist sicher ein Lieblingsmotiv dabei. Die Gemeindeverwaltung freut sich über die Einreichung zahlreicher Schnappschüsse, bittet aber darum, sorgsam mit dem Kunstwerk umzugehen.